Vom Gewerbe der Zeit

...oder die Angst davor zu begreifen, dass es im Leben um nichts geht.

Ich denke an all die Fragen, die ich dir noch hätte stellen sollen, die mir unweigerlich erst jetzt, wo du tot bist, in den Kopf kommen können, da ich erst jetzt, wo du tot bist, weiß, wie es ist, wenn du aufhörst, zu existieren. Nun bist du nicht und ich weiß genau, wie sich das anfühlt und egal, wie sehr ich nun die Augen zukneife, kann mir nun nicht mehr vorstellen, wie es ist, das noch nicht zu wissen.

Was ich sagen will, du fehlst mir, mit jeder Zigarette, die ich rauche. Deshalb habe ich auch aufgehört, zu rauchen, weißt du? Ich dachte, dann würde ich dich nicht so sehr vermissen, allerdings hat sich das Gefühl inzwischen wie ein mit Sekundenkleber befestigter Teppich an meine Fußsohlen geheftet. Er macht das Gehen schwer. Das Fortbewegen ist mir seit deinem Tod nicht mehr möglich. Wenn ich mich fortbewege, dann gehe ich ja von der letzten Stelle, auf der wir gemeinsam gestanden haben. Also bleibe ich und rolle die letzte Zigarette in meiner Hand hin und her. Wäge ab.

Eine noch, dann lass ich dich auch gehen. Die Zigarette fällt zu Boden, auf den nassen Asphalt.
Passenderweise regnet es. Damit ist die Entscheidung getroffen. Ich werfe die Zigarette in den Müll und der Moment ist vorbei. Ohne, dass ich mich von der Stelle bewegt hab, bist du gegangen.

Cleo

...oder eine kurze beschwerliche Reise ohne Happy End.

Und dann war ich plötzlich Star aber ich war total am schwimmen weil letzten Sommer stand ich doch noch in ner Erdbeere. Später war ich auf ein Mal berühmt, aber ich musste feststellen, dass es keinen Unterschied macht, ob man auf der Bühne oder in ner Erdbeere steht, die Angst ist nämlich die gleiche. Da stand ich also zwischen tausenden kleineren Erdbeeren in einer großen und konnte es nicht lassen, andauernd Erdbeeren zu naschen, anstatt sie zu verkaufen. Ich aß Beere um Beere und mit jedem Biss bekam ich mehr Angst, man würde mich erwischen und entlassen, ich konnte aber auch nicht aufhören. Ich hatte Angst, man würde rote Fruchtreste in meinem Mund entdecken, weshalb ich irgendwann ganz aufhörte, zu sprechen. Hinzu kam auch, dass ich damals noch zwei Meter groß war, die durchschnittliche Erdbeerverkäuferin war aber kleiner oder vielleicht war auch Karl einfach nur kleiner, jedenfalls musste ich gebückt in meiner Erdbeere stehen und diese Haltung stärkte mein Selbstbewusstsein nicht gerade.

Ich stand also mitten in der Sonne in dieser Erdbeere, während mir der Angstschweiß das Gesicht hinunter floss, und alle dachten mir währe einfach nur heiß, es war nämlich dieser eine Sommer, dieser eine heiße Sommer, dabei schwitze ich normalerweise gar nicht.

Ich hatte also so sehr Angst davor, jemand könnte mich eines Tages erwischen, es geschah komischer weise aber nie und jeden Tag häuften sich die Kilos an Erdbeeren und Schuldgefühlen in meinem Bauch, bis ich eines Morgens von selbst kündigte. Ich erinnerte mich an die Visitenkarte eines Agenten, der zufällig bei mir eingekauft hatte und er machte mich zum Star. Ich dachte also, ich hätte endlich einen Ausweg aus meiner Angst gefunden aber als ich dann zum ersten Mal als Star auf der Bühne stand, merkte ich, dass ich eigentlich wieder in der Erdbeere stand. Ich hatte plötzlich eine unglaubliche Angst, die Leute würden mich als Betrügerin erkennen, denn ich hatte ja nie gelernt, ein Star zu sein, es war ja einfach so passiert aber auch das geschah nie und jetzt stehe ich hier, Abend um Abend auf dieser Bühne, gebadet in Angstschweiß, den die Leute auf die heißen Scheinwerfer schieben, dabei sind wir doch schon längst auf LED umgestiegen.

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